Aktuelles Papier zu Aquakultur im Bodensee

Martin Hahn, MdL, setzt sich weiterhin für ein kriteriengeleitetes und ergebnisoffenes Zulassungsverfahren für eine Aquakultur am Bodensee ein. „Ich plädiere dafür, nicht vorschnell ein emotionales Urteil zu fällen, sondern eine faktenbasierte Abwägung vorzunehmen“, erklärt Martin Hahn.

Längst gibt es weltweit erfolgreiche Projekte naturverträglicher Aquakulturen. Die Great Lakes in den USA sind Trinkwasserspeicher hervorragender Qualität, in denen Aquakulturen ohne Einschränkungen der Trinkwasserqualität betrieben werden. Auch im zweitgrößten See Finnlands, der Lake Päijänne, Trinkwasserspeicher für Helsinki, werden in Aquakulturen Regenbogenforellen gezüchtet – ebenso ohne Einschränkungen der Trinkwasserqualität. Der Verband Naturland (Link: www.naturland.de/de/naturland/was-wir-tun/fisch/oekologische-aquakultur.html) hat ein Regelwerk mit umfassenden Kriterien für eine zertifizierbare Bio-Aquakultur vorgelegt. Die wichtigsten drei Elemente sind: der Verzicht auf Gentechnikfutter, der Verzicht auf Antibiotika und eine begrenzte Besatzdichte in den einzelnen Netzgehegen. „Diese drei Elemente sind für mich unerlässliche Kriterien für eine Genehmigung einer Aquakultur im Bodensee“, stellt Martin Hahn klar. 

Mit dem Thema Aquakultur beschäftigt sich heute auch der Kreistag des Bodenseekreises in seiner Sitzung, die um 15 Uhr im Landratsamt beginnt. Die SPD- und FDP-Kreistagsfraktionen fordern ein Verbot von Aquakulturen im Bodensee. Der Kreistag behandelt heute den von den Fraktionen gestellten Antrag. Martin Hahn kann an der Sitzung wegen terminlicher Verpflichtungen in Stuttgart selbst nicht teilnehmen.

Das Papier:

Für ein kriteriengeleitetes und ergebnisoffenes Zulassungsverfahren einer Aquakultur am Bodensee

Martin Hahn, MdL

 

Die Diskussion um die Frage, ob eine Aquakultur am Bodensee zugelassen werden soll, beschäftigt die Gemüter der Menschen rund um den See.

 

Ich plädiere dafür, nicht vorschnell ein emotionales Urteil zu fällen, sondern eine faktenbasierte Abwägung vorzunehmen.

 

Im Folgenden will ich darlegen,

  1. warum ich für ein kriteriengeleitetes und ergebnisoffenes Zulassungsverfahren am Bodensee plädiere

  2. auf welcher Grundlage und nach welchen Kriterien ich meine Entscheidung bemessen werde.

 

Warum ich für ein kriteriengeleitetes Zulassungsverfahren für eine Aquakultur am Bodensee bin.

 

AQUAKULTUR WELTWEIT IM VORMARSCH

Bereits heute sind weltweit 50% des vom Menschen verzehrten Fisches in Aquakulturen herangewachsen. Aus gutem Grund. Denn die bisher vorherrschende Form der Fischerei in den Weltmeeren hat zu einer massiven Übernutzung der Fischbestände geführt und kann daher nicht als nachhaltig bezeichnet werden. Fisch ist ein sehr proteinhaltiges, hochwertiges und gesundes Lebensmittel. Durch seinen eigenen niederen Stoffwechsel hat er eine extrem hohe Futterverwertungsquote. Diese ist wichtig, wenn man den weltweiten CO2- Abdruck bei Lebensmitteln bewertet. Verglichen mit Huhn, Schwein und Rind schneidet Fisch daher mit deutlichem Abstand am besten ab.

 

DIE MEISTEN BODENSEE-FELCHEN KOMMEN LÄNGST NICHT MEHR VOM BODENSEE

800 t Felchen werden jährlich in der Bodenseeregion verzehrt, davon werden zwei Drittel, also 600 t längst importiert. Damit diese Verbrauchertäuschung aufhört, setze ich mich seit mehreren Jahren für eine Zertifizierung und Kennzeichnung des Wildfangs vom Bodensee ein. Denn: Diese besonders hohe Qualität hat eine eigene Kennzeichnung verdient.

 

Eine Kennzeichnung des Wildfangs wird aber nicht ausreichen. Wissenschaftler haben berechnet, dass auch künftig nicht mehr mit einem Zuwachs der wild lebenden Bodenseefelchen zu rechnen ist. Ursache dafür ist unter anderem der zurückgehende Nährstoffeintrag.

 

Regionalität und die Verbundenheit mit der Heimat sind Kernwerte der Bodenseeregion. Nachhaltiges Entscheiden und nachhaltiges Handeln bedeuten für mich, der Realität ins Auge zu sehen und unter Güterabwägung eine sachgerechte Entscheidung zu treffen.

 

EXTENSIVIERUNG VOR ORT FÜHRT OFT ZU INTENSIVIERUNG AN ANDEREN STANDORTEN;

  • eine negative ökologische Gesamtbilanz

Nachdenklich hat mich darüber hinaus auch ein Vortrag von Frank Schurr von der Universität Hohenheim zum Thema “Landwirtschaft und Biodiversität” gemacht. In diesem Vortrag hat er darauf hingewiesen, dass Extensivierung von Landwirtschaft hier vor unseren Augen zu einer Intensivierung von Landwirtschaft in anderen Regionen führt. Der Volksmund hat dafür ein Sprichwort: “Aus den Augen, aus dem Sinn”.

 

Auch wenn eine scheinbar “klare Haltung”, also ein schnelles und spontanes „Nein“ zur Aquakultur viel Zustimmung erfährt ist es aus meiner Sicht jedoch besonders wichtig, dass wir uns den Mühen der Ebene, hier der Mühe des Abwägens, nicht entziehen.

 

 

TRINKWASSERQUALITÄT UND REGIONALITÄT ALS KRITERIEN

Am 10.7.2017 habe ich zum öffentlichen Expertengespräch eingeladen. Ich wollte, dass die Debatte um eine Aquakultur am Bodensee mit Fakten und nicht mit Vermutungen, Halbwissen und Unterstellungen geführt wird. Aus meiner Sicht müssen wir Kriterien definieren, mit denen das beantragte Projekt beurteilt werden kann.

 

Kriterium 1: Die hervorragende Trinkwasserqualität des Bodensees muss uneingeschränkt erhalten bleiben.

Wer über Aquakultur spricht, denkt an Zeitungsberichte über norwegische Lachsfarmen, die dazu führen, dass ganze Fjordlandschaften mit Antibiotika verunreinigt sind. Nur schlechte Nachrichten sind Nachrichten.

 

Längst gibt es weltweit erfolgreiche Projekte naturverträglicher Aquakulturen. Die Great Lakes in den USA sind Trinkwasserspeicher hervorragender Qualität, in denen Aquakulturen ohne Einschränkungen der Trinkwasserqualität betrieben werden. Auch im zweitgrößten See Finnlands, der Lake Päijänne, Trinkwasserspeicher für Helsinki, werden in Aquakulturen Regenbogenforellen gezüchtet - ebenso ohne Einschränkungen der Trinkwasserqualität.

 

Kriterium 2: Aus der Region, für die Region.

Wir alle wissen, dass eine Erstgenehmigung oftmals das Einfallstor für weitere Genehmigungen ist. Deswegen ist es für mich unerlässlich, eine mögliche Genehmigung direkt an den regionalen Bedarf zu binden. Eine eindeutige Zweckbestimmung schiebt möglichen Exportphantasien einen Riegel vor.

 

Der Flächenbedarf der dafür notwendigen 12 Aquakulturen ist gering. Lediglich der Flächenbedarf von zwei Bodenseefähren ist notwendig, um jährlich die 600 t Importfelchen zu ersetzen.

Kriterium 3: Eine naturlandzertifizierte Aquakultur – ökologische Verantwortung im Wasser

Naturland (Verband für ökologischen Landbau, Link: www.naturland.de/de/naturland/was-wir-tun/fisch/oekologische-aquakultur.html) hat ein Regelwerk mit umfassenden Kriterien für eine zertifizierbare Bio- Aquakultur vorgelegt. Die wichtigsten drei Elemente sind:

  • der Verzicht auf Gentechnikfutter

  • der Verzicht auf Antibiotika und

  • eine begrenzte Besatzdichte in den einzelnen Netzgehegen.

 

Diese drei Elemente sind für mich unerlässliche Kriterien für eine Genehmigung einer Aquakultur im Bodensee.

 

Eine Aquakultur nach ökologischen Gütekriterien ist grundsätzlich machbar. Ob sie in der beantragten Form für den Bodensee passt, sollte erst in der Abwägung aller weiteren Kriterien (Umweltverträglichkeitsprüfung, Zufahrtswege, Uferveränderungen und laufenden Messauflagen und vieles mehr) im Genehmigungsverfahren entschieden werden.

 

 

 

11.Oktober 2017

 

 

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